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06. Mai 2015

Fachtagung der Fachgruppe Pflege

Recht – Pflege – Ethik – Zum Wesen eines ethischen Problems

„Die Ethik als philosophische Disziplin befasst sich analysierend und wertend mit den moralischen Normen und Werten des menschlichen Handelns, vor allem mit ihren Begründungen, ihren Prinzipien und ihren Anwendungen.“ (Schmid Noerr 2006, S.)

Unsere Gesellschaft ist vielfältiger, vielgestaltiger und vielschichtiger geworden. Es gibt mannigfaltige, andersartige und entgegengesetzte Lebensentwürfe und dies alles noch mit individuellen Wertmaßstäben. Weiters greifen medizin-technische Möglichkeiten tief in unser überliefertes Verständnis vom Umgang mit Leben, Leiden und Sterben ein.

Mit diesen Gegebenheiten sind die Pflege in der Praxis und die Ethik in der Theorie konfrontiert. Konfrontation bedeutet in diesem Zusammenhang eine Gegenüberstellung von sich gegenseitig störenden und vorerst unvereinbaren Meinungen. Eine Meinung gilt nur für die Person, die sie äußert. Sie ist subjektiv und dies kommt durch die Verwendung des Wortes „Mein“ zum Ausdruck. Moral ist primär im Bereich des Meinens angesiedelt. Die Qualität meiner Meinung ist im Gegensatz zum Begriff Wissen nicht objektiv, statistisch wahrscheinlich oder evident sondern „subjektiv“  und „wert“ (Kemetmüller 2013, S. 12).

Werte und Normen haben in der professionellen Pflege-Patientenbeziehung eine zentrale Rolle. Mögliche, sich widersprechende Werte zwischen Pflegenden, Patienten, Klienten, Bewohnern, Angehörigen und anderen Berufsgruppen erzeugen Probleme und Dilemmata.

Erweisen sich Werte in unserer Lebenswelt als unzulänglich, können sie in Frage gestellt und verändert werden (Nida-Rümelin 2005, S. 26–34). Die Lebenswelt wird aber von Systemen bestimmt und beherrscht. Die Befreiung der Lebenswelten aus der Umklammerung der Systeme kann nach Jürgen Habermas theoretisch nicht zureichend beantwortet werden. Die Problematik muss daher eine praktisch-politische werden (Hetzel 2001, S. 262).

Das Konfliktpotential an den Nahtstellen zwischen System und Lebenswelt ist Inhalt ethischer Entscheidungsfindungsprozesse. Denn Systeme sind starr und objektivieren – der Mensch wird zum Fall. Die menschliche Lebenswelt ist aber eine Welt voller Werte, sie ist subjektiv und in Bewegung. Ethische Probleme sind immer auch Wertekonflikte. Die Lösung liegt im Diskurs.

 

Literatur

Hetzel Andreas (2001): Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981). In: Gamm Gerhard, Hetzel Andreas, Lilienthal Markus (2001): Interpretationen. Hauptwerke der Sozialphilosophie. Stuttgart: Reclam. S. 249–266.

Kemetmüller Eleonore (2013): Philosophische Grundlagen: In: Kemetmüller Eleonore, Fürstler

Gerhard (Hg.) (2013): Berufsethik, Berufsgeschichte, Berufskunde. Wien: facultas.wuv. S. 11–45.

Nida-Rümelin, Julian (2005): Über menschliche Freiheit. Stuttgart: Reclam.

Schmid Noerr Gunzelin (2006): Geschichte der Ethik. Leipzig: Reclam.

 

Handout: Das Wesen eines ethischen Problems (Kemetmüller 2015)